Braucht man ein Anschreiben? Wann es sinnvoll ist und wann nicht

Milad Bonakdar
Autor
Für viele Bewerbungen ist ein Anschreiben nicht mehr Pflicht. Hier erfahren Sie, wann es sinnvoll ist, wann Sie es weglassen können und wie Sie es kurz und überzeugend formulieren.
Braucht man heute noch ein Anschreiben?
Meistens nicht. Wenn in der Bewerbung kein Anschreiben verlangt wird, können viele Bewerber darauf verzichten. Verlangt der Arbeitgeber es ausdrücklich oder fehlt Ihrem Lebenslauf wichtiger Kontext, kann ein gutes Anschreiben aber weiterhin hilfreich sein.
Die praktische Faustregel lautet:
- Wenn ein Anschreiben gefordert ist, reichen Sie eines ein.
- Wenn es optional ist, senden Sie es nur, wenn es Ihre Bewerbung wirklich verbessert.
- Wenn es nur den Lebenslauf wiederholt, lassen Sie es weg.
Wann sich ein Anschreiben lohnt
Ein Anschreiben ist vor allem dann nützlich, wenn es dem Recruiting-Team etwas erklärt, das aus dem Lebenslauf nicht sofort klar wird.
Wenn es ausdrücklich verlangt wird
Das ist der einfachste Fall. Wenn im Bewerbungsformular oder in der Stellenanzeige ein Anschreiben gefordert wird, gehört es zur vollständigen Bewerbung. Fehlt es, wirkt die Bewerbung schnell unvollständig.
Wenn Sie Zusammenhänge erklären müssen
Ein kurzes, gutes Anschreiben hilft oft, wenn:
- Sie einen Berufswechsel erklären möchten
- Ihre Erfahrung passt, Ihre bisherigen Jobtitel aber anders klingen
- Sie eine Lücke im Lebenslauf klar einordnen wollen
- Sie einen Umzug oder Ihre Arbeitserlaubnis erläutern müssen
- Sie einen konkreten, glaubwürdigen Grund für genau dieses Unternehmen haben
Beispiel: Wer aus dem Support in Customer Success wechseln will, kann im Anschreiben erklären, wie Erfahrung mit Onboarding, Bestandskunden und Verlängerungen zur Zielrolle passt.
Wann Sie es meist weglassen können
Wenn kein Anschreiben verlangt wird und Ihr Lebenslauf bereits gut zur Stelle passt, ist ein Anschreiben oft nicht nötig.
Das gilt besonders, wenn:
- Sie sich über eine Schnellbewerbung bewerben
- es keine Upload-Möglichkeit für ein Anschreiben gibt
- stattdessen kurze Bewerbungsfragen abgefragt werden
- Ihr Lebenslauf die Passung bereits klar zeigt
Dann ist es oft sinnvoller, die Zeit in den Lebenslauf, das Portfolio oder die Antworten im Formular zu investieren.
Lesen Recruiter Anschreiben überhaupt?
Manchmal ja. Immer nein.
Recruiter und Hiring Manager lesen nicht jedes optionale Anschreiben mit derselben Aufmerksamkeit. Bei vielen Bewerbungen schauen sie zuerst auf Lebenslauf, Berufserfahrung und Pflichtfelder im Formular. Wenn ein Anschreiben aber verlangt wird oder wichtige Fragen beantwortet, kann es durchaus relevant sein.
Die bessere Annahme ist also nicht: "Anschreiben liest niemand." Sondern: "Ein Anschreiben wird gelesen, wenn es für die Entscheidung nützlichen Kontext liefert."
So schreiben Sie ein Anschreiben schnell und sinnvoll
Ein gutes Anschreiben ist keine lange Selbstdarstellung. Es sollte kurz, konkret und leicht erfassbar sein.
Eine einfache Struktur mit vier Teilen
1. Direkt mit der Passung einsteigen
Nennen Sie die Stelle und den stärksten Grund, warum Sie gut dazu passen.
Beispiel:
Ich bewerbe mich auf die Position als Customer Success Manager. Meine Erfahrung im Onboarding von B2B-Kunden und in der Betreuung langfristiger Kundenbeziehungen passt direkt zu den Aufgaben in Ihrer Ausschreibung.
2. Zwei oder drei relevante Punkte hervorheben
Wählen Sie nur das aus, was für diese Stelle wirklich zählt:
- eine passende Aufgabe, die Sie bereits übernommen haben
- ein Ergebnis, das Sie erzielt haben
- eine Fähigkeit, die in der Stellenanzeige ausdrücklich vorkommt
3. Fehlenden Kontext ergänzen
Wenn Sie die Branche wechseln, nach einer Pause zurückkehren oder umziehen, erklären Sie das kurz, sachlich und selbstbewusst.
4. Klar und freundlich abschließen
Bekräftigen Sie Ihr Interesse und bedanken Sie sich für die Zeit der lesenden Person.
Was ein gutes Anschreiben leisten sollte
Ein starkes Anschreiben sollte mindestens eine dieser Aufgaben erfüllen:
- erklären, warum Sie zu dieser Rolle passen
- etwas verständlich machen, das im Lebenslauf nicht sofort sichtbar ist
- echtes Interesse an genau diesem Unternehmen zeigen
- dem Recruiting-Team helfen, Ihre Bewerbung schneller einzuordnen
Wenn Ihr Entwurf nichts davon leistet, können Sie ihn meist weglassen.
Häufige Fehler im Anschreiben
Den Lebenslauf nur in Fließtext wiederholen
Das Anschreiben sollte Ihren Lebenslauf nicht einfach nacherzählen. Es soll Ihre Erfahrung einordnen, nicht duplizieren.
Zu allgemein bleiben
Wenn Sie denselben Text unverändert an fünfzig Unternehmen schicken könnten, ist er zu generisch. Passen Sie zumindest Einstieg und Beispiele an die Stelle an.
Zu lang werden
Die meisten Anschreiben brauchen nur wenige kurze Absätze. Klarheit ist wichtiger als Länge.
KI-Text ungeprüft übernehmen
KI kann beim Entwurf helfen, aber die endgültige Version sollte nach Ihnen klingen. Streichen Sie übertriebene Formulierungen, vage Aussagen und alles, was Sie im Gespräch nicht belegen könnten.
Eine einfache Entscheidungshilfe
Schicken Sie ein Anschreiben, wenn:
- es ausdrücklich verlangt wird
- Sie einen Berufswechsel oder eine Lücke erklären müssen
- Ihre Passung im Lebenslauf nicht sofort sichtbar ist
- Sie einen konkreten Grund für genau dieses Unternehmen nennen können
Lassen Sie es weg, wenn:
- es optional ist und keine neue Information bringt
- das Bewerbungsformat gar nicht dafür gedacht ist
- Sie Ihre Zeit besser in die Optimierung des Lebenslaufs investieren
Häufige Fragen
Hilft ein Anschreiben, wenn ich nicht jede Anforderung erfülle?
Ja, wenn Sie damit übertragbare Fähigkeiten oder relevante Ergebnisse gut erklären können. Es ersetzt keine schwache Bewerbung, kann Ihre Passung aber verständlicher machen.
Sollte sich das Anschreiben vom Profil im Lebenslauf unterscheiden?
Ja. Das Kurzprofil im Lebenslauf gibt den Überblick. Das Anschreiben sollte erklären, warum Sie zu genau dieser Stelle passen und welchen zusätzlichen Kontext der Lebenslauf nicht zeigt.
Ist ein Anschreiben für Remote-Jobs noch sinnvoll?
Ja, wenn Sie damit zum Beispiel Remote-Erfahrung, Zeitzonen-Kompatibilität oder Arbeitserlaubnis klar machen. Sonst gilt dieselbe Regel: nur senden, wenn es echten Mehrwert bringt.


